Die MS ist keine erbliche Erkrankung in dem Sinn, dass die Eltern Genstörungen – und damit die Krankheit – an ihre Kinder weitergeben. Möglicherweise besteht jedoch eine gewisse erbliche „Empfänglichkeit“ für die Erkrankung, denn häufig entwickeln mehrere Mitglieder einer Familie eine MS. Diese familiären Häufungen sind zu hoch, als dass es sich um einen reinen Zufall handeln könnte.
Obwohl diese Beobachtung auf eine genetische Prädisposition hindeutet, ist auch zu bedenken, dass die meisten Familienmitglieder in einer ähnlichen Umgebung leben und einen ähnlichen Lebensstil aufweisen – Umstände, die ebenfalls einen Einfluss auf die Ursachen der Erkrankung haben könnten. Trotzdem ist das Erkrankungsrisiko für Kinder und Geschwister von MS-Betroffenen relativ gering: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein direkter Angehöriger nicht von MS betroffen sein wird, beträgt immerhin 96-98 %.
Viele MS-Patienten machen sich natürlich Sorgen, dass die Krankheit bei anderen Familienangehörigen oder bei ihren Kindern ebenfalls auftreten könnte, und fragen sich, wie hoch das Risiko ist. Leider ist nur wenig darüber bekannt, welche Gene für die Erkrankung verantwortlich sind. Deshalb ist es nicht einfach, eine genetische Beratung oder einen Gentest durchzuführen. Sie sollten sich jedoch der Tatsache bewusst sein, dass das Erkrankungsrisiko für die Verwandten ersten Grades eines MS-Patienten größer ist als für die Verwandten zweiten Grades. Das Risiko für Angehörige eines MS-Betroffenen, selbst an MS zu erkranken, wurde untersucht. Dabei wurden die folgenden Risiken ermittelt:
- Schwestern: Risiko von 4,4 %
- Brüder: Risiko von 3,2 %
- Elternteile: Risiko von 2,1 %
- Kinder: Risiko von 1,8 % (Sind beide Eltern an MS erkrankt, erhöht sich das Risiko auf ca. 20 %.)
MS und Zwillingsstudien
Verschiedene Studien zur Häufigkeit des Auftretens von MS bei Zwillingen haben weitere Hinweise darauf erbracht, dass es wohl keine unmittelbare genetische Grundlage der MS gibt. Wenn ausschließlich Gene für das Auftreten der Erkrankung verantwortlich wären, müsste ein eineiiger Zwilling eines MS-Patienten mit 100%iger Sicherheit ebenfalls an MS erkranken. Eine kanadische Studie zeigte jedoch, dass das Risiko bei eineiigen Zwillingen „nur“ ca. 30 % beträgt. Außerdem ist das Risiko, dass bei zweieiigen Zwillingen der zweite Zwilling an MS erkrankt, ungefähr genauso hoch wie bei Geschwistern, die keine Zwillinge sind, also 4,7 %.
Aktuelle Studien
Kürzlich ist Wissenschaftlern des Serono Genetics Institute (SGI) ein wichtiger Durchbruch gelungen. Die Wissenschaftler identifizierten Gene, die an der Entstehung der Multiplen Sklerose beteiligt sind, und verzeichneten sie in einem Register. Zum ersten Mal in der MS-Forschung konnten so 80 Gene erkannt werden, die an den entzündlichen Vorgängen bei MS sowie an dem Verfall der Nervenzellen beteiligt sind. Als Grundlage für ihre Forschungen dienten den Wissenschaftlern Genscans, die etwa 40 % der Gene des menschlichen Erbguts umfassten. Mit diesen Genscans wurde das genetische Profil von insgesamt 1 800 MS-Kranken und gesunden Personen in verschiedenen Regionen und Lebensumständen verglichen. Kenntnisse über die genetischen Ursachen der MS könnten dazu beitragen, dass sicherere und wirksamere Arzneimittel entwickelt werden, die es Ärzten in der Zukunft ermöglichen könnten, neue Behandlungswege zu beschreiten und die Therapie besser an die individuellen Bedürfnisse der Patienten anzupassen.