Mein Sohn war im August 2002 gerade ein Jahr alt geworden, als ich zum ersten Mal Taubheitsgefühle in den Fingern bemerkt habe. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich mich am Herd verbrannt, konnte mich an eine solche Situation aber nicht erinnern. Stundenweise arbeitete ich nach der Geburt meines ersten Kindes als Arzthelferin. Medizinische Themen liegen mir und ich kenne mich in vielen therapeutischen Bereichen sehr gut aus.
Mit Taubheitsgefühlen war ich jedoch überfordert. Daher suchte ich Rat beim nächsten Neurologen. Der meinte, die Symptome seien stressbedingt, ausgelöst durch einen Sterbefall in der Familie. Er prognostizierte nach ein bis zwei Wochen eine Besserung. Ich habe mit meiner Mutter gesprochen und mich nach meiner Tante erkundigt, die seit 28 Jahren mit Multipler Sklerose lebt. Damals habe ich nachgefragt, wie es bei meiner Tante eigentlich losging; vielleicht wollte ich instinktiv wissen, wie ihre ersten Symptome waren.
Aber der Neurologe schien Recht zu haben: die Taubheitsgefühle klangen spontan ab und die weitere Lebensplanung trat in den Mittelpunkt. Vor über 100 Gästen einer betrieblichen Feier überraschte mein langjähriger Freund mich mit einem Heiratsantrag. Es war wie in einer TV-Show, unglaublich romantisch, ich habe sofort Ja gesagt! Dieser Mann musste es sein.
Gemeinsam entschieden wir uns nach der Heirat für ein zweites Kind und ich setzte im Sommer mit der Verhütung aus. Im Juni 2004 war unser Glück perfekt; der Test positiv. Doch zu Beginn der Schwangerschaft traten Beschwerden auf, die ich beim ersten Kind nicht erlebt hatte: Schweißausbrüche, extremer Schwindel, starke Übelkeit. Ein Termin beim Hausarzt blieb unbefriedigend: Er wollte die Symptome meinem Kreislauf und der Wetterlage zuschreiben. Aber abends um fünf sah ich plötzlich alles doppelt. Ich bekam Panik; der Notarzt fuhr mich ins nächste Krankenhaus. Meine Befürchtung war, dass ich einen Schlaganfall hätte; im Krankenwagen habe ich nur geheult.
Am nächsten Tag erfolgten die notwendigen neurologischen Untersuchungen mit Kernspintomographie und Liquorpunktion. Zusätzlich belastete mich die eingeschränkte Wahl an Medikamenten, die bei einer bestehenden Schwangerschaft eingesetzt werden können.
Im Flur bat mich der behandelnde Arzt in sein Zimmer. Er zeigte mir Kernspinbilder mit Entmarkungsherden. Von meiner Tante wusste ich, dass es bei Multipler Sklerose in Gehirn und Rückenmark zu Entzündungsherden kommen kann. Als ich ihn fragte, ob ich MS habe, hat er nur genickt.
Die Diagnose zog mir den Boden unter den Füßen weg. Mein Mann versuchte, mir Mut zu machen. Er sagte: „Egal, was passiert: wir stehen alles gemeinsam durch.“ Dann fing auch er an zu weinen.
Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich nur den problematischen, unbehandelten MS-Verlauf meiner Tante. Ich dachte damals, dass ich mit MS nur noch zehn bis 14 Jahre zu leben hätte und bald im Rollstuhl sitzen würde. Einer meiner ersten Gedanken war, ob ich noch erleben könnte, wie meine Kinder groß würden. Ich war auch verunsichert, ob ich die Schwangerschaft durchstehen könnte. Mit MS kann man keine Kinder bekommen, dachte ich damals fälschlicherweise.
Die Therapie mit Cortison begann und ich sprach mit einem Arzt, der aus den USA kam. Er erzählte mir von Frauen, die mit MS gesunde Kinder bekommen hätten. Dieser Arzt war auch der erste, der von einer Therapie mit Interferon berichtete.
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus folgte eine teilstationäre Behandlung – meine Verunsicherung durch die Diagnose MS blieb jedoch noch sehr groß. Ich habe MS anfangs mit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) verwechselt und fragte den Arzt, ob ich eines Tages ersticken würde. Er erkannte meinen Fehler nicht und zuckte nur mit den Schultern.
Wieder zu Hause machte sich in der ganzen Familie eine verzweifelte Stimmung breit. Obwohl die Cortisontherapie anschlug und die Symptome nach fünf Tagen abklangen, versank ich in Depressionen. Ich dachte an Selbstmord, lief mit Schlaftabletten in der Hand im Garten herum. Auch ein Schwangerschaftsabbruch kam mir in den Sinn. Gleichzeitig dachte ich ständig an meinen Erstgeborenen und wollte ihn unbedingt aufwachsen sehen. Beim Hausarzt sprach ich erstmals das Thema Schwangerschaftsabbruch an. Der riet mir jedoch davon ab und empfahl mir, mich erst besser über die Multiple Sklerose zu informieren. Mein Mann sah die Situation ebenso, er wünschte sich das zweite Kind und wollte ebenfalls Experten zu Rate ziehen. Der Hausarzt machte uns Mut: Er berichtete von MS-Patientinnen, denen es sehr gut ginge und überwies mich in der 11. Schwangerschaftswoche an die MS-Ambulanz einer Uniklinik.
Im Wartebereich der MS-Ambulanz war ich mit Patienten konfrontiert, die bereits starke Einschränkungen beim Gehen hatten, und diese Bilder ängstigten mich. Der Neurologe erkannte die Problematik sofort und beantwortete ruhig und professionell all meine Fragen zur MS. Ich fühlte mich ernst genommen und gut betreut. Der Neurologe informierte mich über alle Behandlungsmöglichkeiten und empfahl mir nach der Schwangerschaft eine Therapie mit Interferon. Zum ersten Mal spürte ich: MS ist nicht das Ende der Welt! Nach zwei Stunden Beratung habe ich mich für unser zweites Wunschkind und eine Therapie nach der Schwangerschaft entschieden.
Neun Monate lang ging es mir körperlich gut; außer dem Kribbeln in den Fingern spürte ich keine Symptome. Die MS zeigte sich für mich nur in Anführungszeichen.
Mein zweiter Sohn kam im März 2005 gesund zur Welt. Um den Stress mit meinem Neugeborenen, dem Kleinkind und dem Haushalt nach der Geburt so gering wie möglich zu halten, bekam ich Hilfe von meiner Mutter und telefonierte wöchentlich mit anderen MS-betroffenen Müttern, um praktische Tipps auszutauschen. Die Belastung war dennoch sehr groß und manifestierte sich nach elf Wochen in Form von neuen MS-Symptomen: Taubheitsgefühle und Kribbeln an Fingern, Hand, Arm und Schienbein. Um diesen Schub mit Cortison behandeln zu können, musste ich abstillen. Nach der letzten Infusion fing ich wieder mit dem Stillen an, was mir sehr wichtig war.
Dann tauchten weitere Symptome in Form von Koordinationsstörungen, Schwindel und Schweregefühl in den Beinen auf. Ich hatte Probleme, meine rechte Körperhälfte zu steuern. Beim nächsten Neurologentermin wurde das Thema „Immunmodulation“ vertieft. Ich brauchte das Gefühl, selbst den positiven Verlauf meiner MS steuern zu können. Nach dem Abstillen habe ich sofort mit der Interferontherapie begonnen.
Der Umgang meiner Familie mit dem neuen Leben und der begleitenden Therapie war sehr positiv: Mein Mann hat mich gelobt. Für mich ist Interferon eine Art „Sicherheitsgurt“, der mich in der Lebensbahn hält.
Heute fühle ich mich der Belastung mit zwei Kindern und dem Haushalt gewachsen. An manchen Tagen bin ich aber auch über die Unterstützung meiner Familie froh. Obwohl ich noch eine Fußheberschwäche habe, fühle ich mich insgesamt sicherer auf den Beinen und körperlich wohler. Manchmal denke ich tagelang nicht an die MS. Nur wenn ich mich spritze – dann aber mit einem guten Gefühl. Am liebsten bin ich mit meinen lustigen Kindern unterwegs. Wenn wir ausgehen, fühle ich mich wie eine junge, gesunde Mutter!
Auch meine Ehe profitiert vom „Sicherheitsgurt“ Interferon: Sind die Kinder im Bett, genießen wir ein gutes Glas Wein und sind einfach ein glückliches und ausgelassenes Paar.